Was ist Meditation? [3]

Der Konfuse Geist

Viele Gründe bewegen Menschen dazu mit Meditation zu beginnen.
Manche suchen einfach innere Ruhe, andere haben vielleicht Schlafstörungen, wieder andere sind von der Voraussicht auf transzendente Erfahrungen motiviert und wieder andere sind einfach neugierig und wollen sich das mal anschauen.

Bildquelle: Fotalia

Ganz gleich, welche Erwägungen Pate standen, alle werden in der ersten Zeit die gleiche Art von Erfahrung machen.
Sie werden feststellen, dass ihr Geist keine sauber aufgeräumte Stube ist, sondern sich von einer recht chaotischen Seite zeigen wird.

Bei den ersten Versuchen – und auch später noch – tauchen alle möglichen Gedanken auf, ablehnende und begehrende Emotionen und körperliche Empfindungen. Ruhe und Entspannung lassen vergeblich auf sich warten.

Wer im Alltag gewohnt ist, sich effektiv mit allerlei Beschäftigung abzulenken oder ein stressiges Leben führt, ist ständig mit einen umtriebigen Geist unterwegs. In der Meditation hätte man sich jetzt etwas Anderes gewünscht.

Unser Geist macht aber eben nur das, was ihm von uns aufgetragen wurde. Beschäftigung, Vernetzung und Sammeln von Informationen, sind dabei seine natürliche Lieblingsbeschäftigung.
Kann man von jemandem erwarten, dass er von heute auf morgen den Hürdenlauf meistert, wenn er Bewegung nicht gewohnt ist? Sicher nicht. Mit dem Geist ist es im Prinzip das Selbe. Er muss und will trainiert werden. Deshalb verwendet man für die Meditation gerne den Begriff der Geistesschulung.

Die Sicht wird frei

Wenn die Meditationspraxis dazu führt, dass die Sicht frei wird, hört sich das schon mal gut an.
Wie schön ist es doch auch, alles klar sehen zu können, wenn man mal die Fenster seiner Wohnung gründlich geputzt hat. Da kommt endlich Licht herein, die Farben werden kräftiger und die Konturen werden schärfer.

Was man aber auch klarer sieht, ist der Unrat, der sich im Laufe der Jahre vor der Haustüre angesammelt hat. Der war zuvor kaum erkennbar gewesen.
Mit unserer Innenwelt ist das nicht anders. Die Konturen der angenehmen Aspekte des Daseins werden schärfer und Gedanken, die sonst nur im Hintergrund ihr Spektakel veranstalteten, kommen während der Meditation aber auch in den Blickpunkt.

Das ist der Moment, an dem sich viele Übende fragen, ob sie sich das wirklich anschauen wollen. Es liegt dann einerseits an der Willenskraft und andererseits an der Unterstützung eines Meditationslehrers, Motivation und Anreize nicht versiegen zu lassen.
Was nämlich folgt, sollte Mut machen und Motivation schaffen.

Motivation fördern

Auch wenn die Meditations-Sitzungen in der ersten Zeit nicht gleich die gewünschte Ruhe bringen, so fördern sie doch interessante Aspekte des Geistes zutage.
Wir merken, dass der Geist beschäftigt sein will, wie ein lebhaftes Kind. dabei springt er von einer Ablenkung zu anderen.
Um ihn zur Ruhe zu bringen wird uns ein Meditationslehrer ein Meditationsobjekt anbieten. In der Regel ist das unser eigener Atem, der von selbst abläuft und auf den man den Geist richten kann, um ihn zu beruhigen.
Als Meditationsobjekt kann aber auch der Körper als Gesamtes dienen, indem man aufmerksam in die einzelnen Bereiche des Körpers hinein spürt, die Empfindung unbewertet wahrnimmt und dann zum nächsten Bereich wechselt.
Selbstverständlich können auch äußere Reize, wie Musik oder die Betrachtung eines Bildes den Geist beruhigen.
Es darf ausprobiert werden, was einem besser liegt. Später zu einem anderen Meditationsobjekt zu wechseln ist immer möglich.

Von der Methode zur Meditation

Wenn wir z.B. die Atembetrachtung als Meditationsobjekt für uns gewählt haben und wir damit einigermaßen zurecht kommen, weil wir den Geist von ablenkenden Gedanken immer wieder zum Anker des Atems zurückbringen können, dann haben wir eine Methode.
Die Methode ist ein Werkzeug oder eine Hilfestellung. Sie ist noch nicht die Meditation.
Als wir noch Kinder waren und das Fahrradfahren lernen wollten, haben uns unsere Eltern vielleicht Stützräder an unser Rad gebaut, damit wir auf unseren ersten Fahrversuchen ein Gefühl für unser Fahrrad bekommen und nicht zur Seite weg kippen. Irgendwann, mit zunehmender Übung, merken wir, dass wir die zusätzlichen Räder immer seltener brauchen.
Das Gleiche geschieht bei der Meditation. Wir trainieren unseren Geist dazu, für Momente ruhig und fokussiert zu sein und mit zunehmender Übung stellen sich diese Momente immer öfter ein. Dann erleben wir, wie sich um unseren Atem panoramaartig ein stiller Raum in uns weitet und wir erleben die ersten Momente in Meditation.

Achtsamkeit und Gewahrsein

Achtsamkeit und Gewahrsein scheinen auf den ersten Blick das Gleiche zu sein.
Es gibt aber einen kleinen, aber wichtigen Unterschied.


Achtsamkeit

Wenn wir achtsam sind, dann sind wir vollkommen mit unserer aktuellen Handlung identifiziert. Es ist die „Einspitzigkeit“, die Punktgenauigkeit der Wahrnehmung auf das was wir gerade tun oder erleben.Ich kann achtsam sein, wenn ich Geschirr spüle oder Wäsche zusammen lege. Dabei bin ich konzentriert achtsam auf die Bewegungen meiner Hände.In diesem Sinne beschreibt Achtsamkeit einen sehr engen Bereich der Wahrnehmung, der aber äußerst konzentriert ist.


Gewahrsein

Gewahrsein ist auch eine Achtsamkeit, die aber über die oben genannte Punktgenauigkeit hinaus geht. Im Gewahrsein nehmen wir beim Geschirrspülen nicht nur die Bewegung unserer Hände wahr, sondern nehmen auch die Temperatur des Wassers wahr, nehmen die Geräusche des Geschirrs und andere Geräusche um uns wahr und auch unsere unmittelbare Umgebung.Im Gewahrsein erhalten wir eine Gesamtsicht auf die jeweilige Situation. Im Gewahrsein liegt der Beginn der Einsicht (Vipassana) in die gesamte Situation.

Was ist Meditation? [2]

Meditation ist etwas sehr Gewöhnliches

Viele Menschen glauben, dass Meditation immer mit mystisch transzendenten Erfahrungen zu tun haben muss.
Das kann natürlich irgendwann geschehen, aber die meditative Realität für die allermeisten Menschen sieht dann doch sehr viel gewöhnlicher aus und das ist keineswegs schlimm, sondern völlig in Ordnung.

Oft wird gefragt, woran man merkt, dass man meditiert?
Die Frage ist schnell beantwortet.
Man meditiert, sobald man sich bewusst ist, welche Gedanken, Gefühle, Emotionen und Empfindungen in einem selbst gerade aktiv sind.

Der Buddha soll mal einen seiner Zuhörer gefragt haben, ob er sich bewusst sei, dass sich seine große Zehe ständig bewegt?
Der Zuhörer muss sehr erstaunt gewesen sein, denn er war sich dieser Bewegung nicht bewusst. Also war er nicht in Meditation.

„Ohne Achtsamkeit gibt es keine Meditation!“, war ein Ausspruch, den man von Ayya Khema (buddhistische Nonne der Theravada-Tradition) sehr oft hören konnte.
Achtsamkeit bedeutet auf sich selbst aufpassen oder gewahr sein, was in einem gerade passiert.
Besonders achtsam bin ich, wenn ich einen Moment innehalte und in mich schaue! Dann werde ich vielleicht wahrnehmen, dass da gerade ein Gedanke auftaucht oder mir wird meine Grundstimmung bewusst, die ich schon den ganzen Tag mit mir herumtrage.

Das sind Geistesformationen, die leicht aufgespürt werden können. Sie sind ganz an der Oberfläche. Natürlich gibt es Menschen, die sich auch damit etwas schwer tun.
Je mehr ich Achtsamkeit übe, desto mehr wird es der Betrachtung eines Bildes als Ganzes entsprechen, anstatt der Betrachtung einzelner Details, die voneinander getrennt sind. Die Betrachtung des Ganzen kommt nach und nach.

Meditation geht aber weiter. Viel weiter!
Die oberflächlichen Geistesformationen aus Gedanken, Gefühlen, Empfindungen und Emotionen gleichen den Wellen auf einem See. Ich schaue hin und sehe die Wellen, aber ich kann noch nicht unter die Oberfläche schauen.
Sobald sich der See beruhigt hat, kann ich in die Tiefe schauen und erkennen, was dort alles vorhanden ist. Die Ruhemeditation (Samatha) beruhigt das oberflächliche Kräuseln. Die Einsichtsmeditation (Vipassana) bringt tiefere Erkenntnisse zur Wirkungsweise des Geistes.

Das bedeutet also, die oberflächlichen Formationen meines Geistes zu beruhigen, um in seine tieferen Sphären vordringen zu können.
Auch dort bewegen sich Gedanken und Gefühle, aber sie werden – je tiefer ich vordringe – immer feiner und subtiler. Oft sind es sinnlos anmutende Gedankenfetzen, Fragmente von Gedanken und Gefühlen, die kurz aufblitzen und wieder verschwinden. Da werden auch Bilder sein, Gesichter und Landschaften, die mir fremd erscheinen können. Der Geist ist auch in der Tiefe aktiv.

Je tiefer ich vordringe, desto ruhiger wird es werden, bis sich irgendwann eine entzückende, friedliche Stille als erste Stufe der Meditation einstellt.
Bis zur Erleuchtung, so ist es vom Buddha überliefert, gibt es acht Stufen zu durchlaufen.

Innehalten und neu ausrichten

Innehalten ist ein Bestandteil der Meditationspraxis

Innehalten bedeutet, innerlich „Stop!“ zu sagen und aus dem gerade ablaufenden Prozess auszusteigen und sich selbst zu betrachten.

Da werden mir Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Emotionen bewusst.
Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, das alles zu bewerten und zu beurteilen, sondern darum, es schlicht wahrzunehmen und Übersicht zu erhalten.

Da mag großes Chaos sein, Verunsicherung. Vielleicht Wut, Ärger jedweder andere Ausdruck von Emotion.
In diesem Moment des Innehaltens komme ich zu mir selbst zurück. Ich bin nicht mehr mit dem ablaufenden Prozess identifiziert, sondern nehme die Beobachterperspektive ein.
Beim Innehalten werde ich mir meiner Lebendigkeit und Lebenskraft bewusst.
Es ist eine Seinserfahrung, in der sich der Geist sammelt und sehr scharf fokussiert.

Aus dieser Perspektive, in der ich Übersicht gewinne und nicht mehr vom Prozess mitgerissen werde, kann ich mich neu ausrichten. Ich kann eine Wahl treffen und den Prozess verändern.

Innehalten ist immer wieder eine Art Trick, der sich durch die gesamte Meditationspraxis zieht. Von Anfang bis Ende…

Awareness-Walk – meditatives Gehen

Eine weitere schöne Methode unter vielen…

…ist Awareness-Walk oder meditatives Gehen.

Wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, darf Awareness-Walk zu den aktiven Methoden gezählt werden, und da sie eben eine Methode ist, darf sie nicht mit Meditation selbst verwechselt werden, eben so, wie das für alle anderen Meditations-Methoden auch gilt. Es ist lediglich eine Methode, die den Einstieg in Meditation erleichtert.

Bildquelle: Brian Mann, lizenzfreie Bilder auf unsplash.com

Das Besondere an Awareness-Walk ist, dass Du es immer und überall dort üben kannst, wo Du Fuß unterwegs bist. Du brauchst keine musikalische Begleitung und keinen Meditationsraum. Nur Du selbst und der Boden ist nötig, auf dem Du gehst.

Wie geht das nun?

Je nach Wetterlage und Bodenbeschaffenheit, kannst Du barfuß gehen oder natürlich Schuhe tragen. Das bleibt Dir überlassen. Barfuß ist die Erfahrung natürlich intensiver und um Erfahrung geht es ja. Aber entscheide selbst.

Wenn Du dann los gehst, denke daran Deine Erwartungshaltung zuhause zu lassen. Sie ist nur hinderlicher Ballast.
Meditation ereignet sich in geistiger Entspannung und eine Zukunftsausrichtung auf Erfolge oder gewünschte Erfahrungen halten die Meditation sehr nachhaltig auf Distanz.

Du gehst einfach los und spürst in Deinen Körper hinein, wie er sich anfühlt. Die Beurteilung, ob gut oder schlecht, brauchst Du jetzt nicht. Du nimmst ihn lediglich wahr wie er sich anfühlt.

Dann spürst Du in die Bereiche Deines Körpers, die angespannt sind und beginnst sie bewusst zu entspannen. Fange unten an und entspanne Dich bis ganz hinauf zu Deinem Scheitel.

Nimm die Muskelbereiche wahr, die Du zum Gehen brauchst. Versuche, sie nacheinander so weit zu entspannen, wie es Dir möglich ist.

Dein Atem ist natürlich, eben so, wie es Dein Körper verlangt.

Rufe Dir in Erinnerung, dass Dein Körper eigenständig ist! Er ist natürlich eng mit Deinem Geist verbunden, aber er ist dennoch eigenständig und hat seine eigenen Bedürfnisse und folgt eigenen Regeln.
Überlasse Deinem Körper jetzt die Führung. Erlaube ihm zu gehen, wie er das möchte. Wenn Du das für Dich still in Dich hinein formulierst, wirst Du bemerken, dass Dein Körper darauf reagiert. Vielleicht will er schneller gehen oder langsamer. Folge ihm. Vertraue ihm.

Öffne Dich! Nimm wahr, was über Deine Sinne in Dich gelangt. Geräusche, die Temperatur der Luft auf Deiner Haut, das Licht, die Umgebung, die Bewegungen um Dich herum. Bewerte nichts. Nimm es einfach wahr und beobachte, was es mit Dir macht. Wenn Du Dich wirklich öffnest, werden Dir Details auffallen, die Dir vorher verborgen waren und vielleicht entsteht dabei ein spontanes Glücksgefühl. Wenn nicht, dann nicht oder vielleicht das nächste Mal. In jedem Fall wirst Du dabei den Zugang zu Deiner inneren Welt spüren.

Konzentriere Dich nun auf Deine Herzgegend. Spüre in Deine Brust hinein, in Dein Herz. Fühle es!
Bleibe bei allem was Du siehst, hörst, spürst oder riechst in Verbindung mit dem Gefühl in Deinem Herzen. Lasse diese Wahrnehmungen verschmelzen zu einer Wahrnehmung.

Bildquelle: Wikipedia

Zu dieser umfassenden Wahrnehmung, die Du jetzt vielleicht hast, füge die Empfindung Deiner Füße im Kontakt mit der Erde hinzu, auf der Du gehst.

Fühle, wie sicher sie Dich trägt. Vielleicht kannst Du Dir vorstellen, dass Energie vom Boden in Deine Füße aufsteigt und sich durch Deine Beine im ganzen Körper ausbreitet. Es ist die energetische Nahrung, welche Dir die Erde schenkt.

Mache Dir Deine Verantwortung bewusst, die Du für die Erde trägst. Du bist innig mit ihr verbunden. Die selben Kräfte und Energien, die in der Erde fließen, fließen auch in Dir. Du und die Erde, ihr sorgt füreinander.

Vielleicht kannst Du diese Empfindungen Deines Körpers, die Wahrnehmungen Deiner Sinne, das Gefühl in Deinem Herzen und die Verbindung zu dieser Erde miteinander verbinden.
Wenn nicht, dann nicht oder vielleicht das nächste Mal…..

Der erste Gedanke

Der erste Gedanke, der auf eine Frage an uns oder auf ein Ereignis folgt, ist eine Intuition.

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Intuition bedeutet, den Sachverhalt der Frage oder des Ereignisses ohne diskursives Abwägen zu erkennen und zu durchschauen.

Natürlich ist in die intuitive Erkenntnis unser Nervensystem involviert. Intuition ist keine Zauberei.

Der erste Gedanke ist also intuitiver Natur.
Er taucht vor unserem inneren Auge ganz unvermittelt auf, wie eine plötzlich aufleuchtende Glühbirne. Wir wissen nicht, wo sich der Schalter befindet und wir wissen auch nicht, wer ihn für uns betätigt hat.
Der intuitive, erste Gedanke hat noch keinen Diskurs durch den Parcours des Verstandes durchlaufen. Der Verstand ist bis dahin noch unbehelligt.

Wenn wir diesen ersten Gedanken aufgeschnappt und vor uns haben, weckt er unseren Verstand, der sofort damit beginnt, ihn zu überprüfen. Der Verstand wird ähnliche Sachverhalte aus seinem Archiv ziehen, er wird Wünsche und Ängste einladen und den ersten Gedanken zur Prüfung und Befragung vor sein Gericht stellen.

Mit dem zweiten Gedanken haben wir den Zweifel mobilisiert

Zweifel wollen wir natürlich möglichst schnell ausräumen.
Wie oft geschieht es, dass wir den ersten Gedanken wahrnehmen, vielleicht nur kurz schemenhaft, um ihn dann sofort in Zweifel zu ziehen?

In unseren modernen Gesellschaften ist es üblich alles zu hinterfragen. Das Prüfen und Hinterfragen von Sachverhalten taucht bereits in der Antike mit dem Begriff der Dialektik auf und Prüfen und Hinterfragen ist auch ein Grundprinzip der modernen Wissenschaft. Das hat ja absolut auch Berechtigung, wenn es darum geht Fakten auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen.

Tatasche ist allerdings, dass mit dem zweiten Gedanken der erste Gedanke dominiert und oft beiseite geschoben wird und Intuition als Qualität des Geistes nicht ernst genommen wird.

Wenn wir einen Sachverhalt hinterfragen, ziehen wir gerne andere zu Rate. Wir schildern den Sachverhalt und bitten, dazu Stellung zu nehmen.
Die Antworten, die wir bekommen, können unseren Horizont erweitern und viele Perspektiven auf mögliche Versionen von Wahrheit hervorbringen und unser intellektuelles Wissen vermehren, aber sie überdecken unseren ersten Gedanken, der Ausdruck des frischen, klaren Geistes ist.
Der erste Gedanke ist eine ganz unmittelbare Erfahrung, die sich nicht auf jederzeit abrufbar Erlerntes bezieht, sondern sie ist eine Erfahrung, die auf eine große Vielzahl von Informationen zurückgreift, die dem Tagesbewusstsein nicht zugänglich sind. Mit dem ersten Gedanken greifen wir auf das Potential unseres Geistes als Ganzes zu.

Die neue Zeit verbindet altes Wissen und moderne Wissenschaft

Die Menschen indigener Kulturen hatten immer großes Vertrauen in die Fähigkeit ihrer Priester und Weisen, in Kontakt mit Ahnen, Engeln und anderen Geistwesen zu kommen, um Zugang zu tieferem Wissen zu erhalten.
Vielleicht kann man dieses Vertrauen vergleichen mit dem Vertrauen, das die Menschen der modernen Industriegesellschaften heute in die Wissenschaft haben.

Die Quantenphysik gibt uns Hinweise darauf, dass die spirituellen Erfahrungen in den Kulturen aller Zeiten keine Gespinste sind.
Mittlerweile ist auch die Hirnforschung so weit, dass sie beispielsweise meditative Erfahrungen durch Hirnscan-Verfahren nachvollziehen kann und damit den Zugang zu unserer feinstofflichen Welt öffnet, zu der auch die Fähigkeit zur Intuition gehört.

Spiritualität und Wissenschaft nähern sich an und dies schon, seit der Physiker Max Planck erkannte, dass Materie lediglich eine Art kristallisierte Form von Energie ist.

Wir wachsen in eine neue Zeit erhöhten Bewusstseins hinein, durch das wir Vertrauen in unsere geistigen Fähigkeiten wiedergewinnen können und allen Grund haben dürfen, auf unsere Intuition vertrauen zu können.

Innere Demokratie

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Was andere denken, sagen oder tun, kann ich nicht beeinflussen und das ist auch gut so. Ansonsten könnte ich schlimmstenfalls den Diktator in mir wecken.
Ich kann aber meine eigenen Gedanken, meine Rede und mein Handeln prüfen. Das kann schon mal wehtun, weil mir etwa die Hälfte von dem, was mich ausmacht, nicht gefällt und genau diese blöde Hälfte erkenne ich dann auch noch zielsicher in anderen. Wer hätte das gedacht?
Kein Wunder, wenn es Konflikte hagelt.
Es fällt mir oft schwer, meine unangenehmen Anteile zu akzeptieren. Wenn es mir gelingt,
fühlt es sich erleichtert an und die Türe zu meinen guten Anteilen öffnet sich von selbst und ich kann diese Anteile in mir stärken und nach außen bringen.

Ich nenne es „innere Demokratie“, mit sich selbst in konstruktiven Austausch zu kommen, Ablehnung zu vermeiden und sich als Ganzes fühlen zu lernen. In einer harmonischen, inneren Ganzheit finde ich andere Menschen und kann mich mit ihnen verbinden.

Kontemplation

Grundsätzlich ist Kontemplation von Meditation kaum zu unterscheiden. Beides ist eine geistige Hinwendung nach Innen. Unterschiede gibt es nur im Detail.

In der Meditation öffne ich meinen Geist nach innen, nehme die Geistesformationen wahr, wie Gedanken, Gefühle und Emotionen und lasse sie vorüberziehen ohne mich darin zu verstricken.
Im Laufe der Übung beruhigt sich mein Geist und die geistigen Formationen werden weniger, unscheinbarer und weniger konkret, bis sich eine „angrenzende Sammlung“ einstellt – wie Buddhisten den Zustand nennen, bei dem Gedanken nur schemenhafte und kaum wahrnehmbare Besucher im Hintergrund meines Geistes sind.
Von hier aus sinkt mein Geist in Sphären, in denen zunehmend Klarheit, Intuition und inneres Wissen wahrnehmbar werden. Am Ende steht eine wohltuende Leere, die gleichzeitig als absolute Fülle wahrgenommen wird.

In der Kontemplation gelange ich ebenfalls zu Klarheit, Intuition und Wissen. Im Unterschied zur Meditation binde ich den Prozess der Hinwendung nach Innen aber an ein Thema, in das ich mich hinein versenken möchte.
Ich betrachte das Thema und lasse Gedanken, Gefühle und Emotionen dazu auftauchen und verfolge den Prozess wie ein Zuschauer, der einem Film folgt. Auf diese Weise kann ich meine persönliche Position zum Thema erkennen, so wie die Bedeutung und den Wahrheitsgehalt des Themas.
Kontemplation bedeutet nicht Nachdenken. Es ist kein aktiver, kein argumentativer Prozess. Es ist zunächst eher eine Art Brainstorming.
Im Ablauf der Übung beruhigen sich die vordergründigen Gedanken, Gefühle und Emotionen und mein Geist wird das Thema intuitiv erfassen und Zugriff auf die Weisheit erhalten, die abseits meines persönlichen Wissens in Verbindung mit universellem Wissen steht.

Wahrhafte Begegnungen im Zeitenwechsel

Im vergangenen Jahr 2019 hatte ich an einem Tantra-Seminar teilgenommen. Oft wird angenommen, dass es bei solchen Seminaren lediglich um Sex ginge und es sich bei solch einer Veranstaltung im schlimmsten Fall um Gruppensex bei Räucherstäbchen handelt.

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, sei gesagt, dass es bei einem seriösen tantrischen Workshop oder Seminar zu mehr als 90% um bioenergetische Arbeit geht und der Rest – wenn überhaupt – sexuelle Handlungen sind.

Warum beschäftige ich mich mit Tantra?

Jeder von uns hat mehr oder weniger intensiv mit anderen Menschen zu tun. Da gibt es geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die den Umgang regeln und es gibt solche, die ganz individuell sind. Unter den individuellen gibt es wiederum solche, die uns bewusst sind und solche, die unbewusst sind. In jedem Fall richten wir uns nach diesen Regelungen und sind mehr oder weniger damit einverstanden.

Auf der anderen Seite haben wir auch unsere Wünsche. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich stoßen wir dabei oft an Grenzen, weil wir uns nicht trauen, diese Wünsche zu äußern. Je mehr diese Wünsche allgemein oder individuell tabuisiert sind, desto mehr keimt in uns die Angst vor Abweisung auf.

Besonders in unseren modernen Gesellschaften sind Wünsche und Bedürfnisse sexueller Natur mit Tabus belegt. Es klingt paradox, aber der größte Traffic im Internet fällt heutzutage auf Seiten mit pornographischem Inhalt, während wir uns im Alltag eher prüde begegnen.

Dieses Paradox beeinflusst natürlich unsere Lebenspartnerschaft, unsere Liebesbeziehungen, Freundschaften. Offenbar gibt es viele unerfüllte Wünsche und Begierden, mit denen wir unsere Nächsten aus Furcht vor Ablehnung nicht konfrontieren wollen und weichen lieber heimlich auf die virtuelle Welt der Begierden aus oder suchen uns nebenbei heimlich jemanden, der oder die unsere Wünsche und Begierden befriedigt.

Der Fokus der Betrachtung liegt dabei darauf, dass es heimlich getan wird. Am besten soll es niemand wissen, was wir wirklich begehren und wünschen. Dabei trennen wir uns von uns selbst, werden uneins, unerfüllt, häufen seelischen Ballast an.

Ein Grund für dieses Paradox dürfte sein, dass wir allgemeine wie auch individuelle Tabus derart verinnerlicht haben, dass wir diese kaum oder gar nicht mehr in Frage stellen. Wir halten sie selbst dann noch für einen selbstverständlichen Teil unseres menschlichen Daseins, wenn wir in wachen Momenten feststellen, dass wir falsch leben und im Grunde doch eher dem Motto folgen sollten, das sagt: „Wer nicht begehrt, lebt verkehrt.“

Als unbestreitbare Tatsache stelle ich in den Raum, dass sexuelle Energie reine Lebensenergie ist.
„Wir leben in einem sexuellen Universum…“, schreibt Saleem Matthias Riek in seinem Buch „Herzenslust“. Da ist Anziehung, Kreativität, Liebe, Ekstase. All das gibt uns die Natur in ihren vielfältigsten Formen vor und bezieht uns dabei mit ein. Wir sind davon nicht getrennt.

Unterdrücken wir unseren sexuellen Anteil, unterdrücken wir demnach unsere Lebensenergie.
In der Chakrenlehre steigt die Lebensenergie als sexuelle Energie vom untersten Chakra aus dem Becken nach oben und verfeinert sich auf ihrem Weg durch die 7 Chakren, verwandelt sich zu Willenskraft, Liebe, Mitgefühl, Intuition, bis hin zum sogenannten kosmischen Bewusstsein, das Menschen zur Erleuchtung führt. Die sexuelle Energie ist der Urstoff des Lebens, der sich vielfältig und erfüllend verwandeln kann, sofern man mit ihm intelligent umgeht.

In der Begegnung mit anderen Menschen erfahren wir uns selbst zusammen mit dem anderen Menschen. Wir berühren gegenseitig unsere Gefühlswelt, erzeugen Emotionen und aktivieren unterdrückte „Kellergefühle“, die aus früheren Verletzungen entstanden, und die tief in uns verborgen liegende Energiefresser sind.

Wie kann man mit seinen Gefühlen, Wünschen und Begierden umgehen, so dass keine unnötigen Verletzungen entstehen, sondern Erfüllung und Ganzheit des Seins entstehen können?

Das absolut Wichtigste dürfte sein, sich selbst besser kennen zu lernen, sich mehr und mehr selbst zu verstehen und anzunehmen.
Bildlich dargestellt gehe ich dabei wachen Auges auf mich selbst zu, sage mir meine eigene Wahrheit ins Gesicht und umarme mich selbst liebevoll – so, wie eine liebende Mutter ihr Kind umarmt.
Ich mache mich damit verletzlich, ich öffne mich meiner eigenen Wahrheit ohne Mauern und nehme mich so an, wie ich bin.

Wenn mir das – nach einiger Übung – gelingt, bemerke ich, dass ich in anderen Menschen im Grunde die gleichen Bedürfnisse und Wünsche erkenne, die ich selbst habe. Ich erkenne in ihnen vergleichbare Verletzungen und Ängste.

Mich für mich selbst zu öffnen, öffnet mich auch für andere Menschen. Offenheit für mich selbst lässt auch zu, dass ich mich mehr und mehr meinen verborgenen Gefühlen widmen kann, um sie irgendwann endgültig loslassen zu können, anstatt sie weiter als Ballast mit mir herumzutragen.
Ein großes Stück Freiheit und Lebenskraft wird spürbar, die auch für andere Menschen spürbar werden.

Achtsamkeit mir selbst gegenüber ist die erste Grundregel

Achtsamkeit ist das Motto. Grundsätzlich ist es von großer Wichtigkeit, ganz dicht bei seinen eigenen, inneren Prozessen zu bleiben.
Wenn ich weiß, wie ich selbst ticke, bin ich auch empathisch gegenüber der Welt eines anderen Menschen und werde mich dementsprechend respektvoll und mitfühlend nähern und verhalten.
Was auch immer hochkommt bei Begegnungen – Gefühle, Emotionen – es gehört zu mir und es ist nicht da, um mich zu ärgern, sondern um mir zu helfen und mich zu leiten und auf diese Weise Missverständnisse und Enttäuschungen bei Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden.

Viele Menschen haben gemerkt, dass die Zeit angebrochen ist, um sich zu öffnen und wahr zu werden und Liebe, Mitgefühl und Respekt miteinander zu teilen.
Die fragmentierende innere Haltung, die man vielleicht einen geistigen Materialismus nennen könnte und zu Trennung von sich selbst und anderen Wesen auf dieser Erde führt, hat immer weniger Bestand.

Ob es der Weg des Tantra ist oder ein anderer, dürfte weniger wichtig sein. Es geht darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen und innere Mauern einzureißen.
Bei diesem Prozess wird klar werden, dass sich Wahrheit, Liebe, Offenheit und Respekt auf alle Bereiche des gesamten Lebens ausweiten und diese konstruktiv transformieren.