Achtsamkeit und Gewahrsein

Achtsamkeit und Gewahrsein scheinen auf den ersten Blick das Gleiche zu sein.
Es gibt aber einen kleinen, aber wichtigen Unterschied.


Achtsamkeit

Wenn wir achtsam sind, dann sind wir vollkommen mit unserer aktuellen Handlung identifiziert. Es ist die „Einspitzigkeit“, die Punktgenauigkeit der Wahrnehmung auf das was wir gerade tun oder erleben.Ich kann achtsam sein, wenn ich Geschirr spüle oder Wäsche zusammen lege. Dabei bin ich konzentriert achtsam auf die Bewegungen meiner Hände.In diesem Sinne beschreibt Achtsamkeit einen sehr engen Bereich der Wahrnehmung, der aber äußerst konzentriert ist.


Gewahrsein

Gewahrsein ist auch eine Achtsamkeit, die aber über die oben genannte Punktgenauigkeit hinaus geht. Im Gewahrsein nehmen wir beim Geschirrspülen nicht nur die Bewegung unserer Hände wahr, sondern nehmen auch die Temperatur des Wassers wahr, nehmen die Geräusche des Geschirrs und andere Geräusche um uns wahr und auch unsere unmittelbare Umgebung.Im Gewahrsein erhalten wir eine Gesamtsicht auf die jeweilige Situation. Im Gewahrsein liegt der Beginn der Einsicht (Vipassana) in die gesamte Situation.

Vipassana: Die Stück-für-Stück-Methode zur Einsicht in uns selbst

Vipassana ist zwar keine Methode, aber es Bedarf einer Methode, um Vipassana (Einsicht) zu erhalten!

Natürlich haben wir, neben dem Atem, weitere Möglichkeiten unseren Geist durch Konzentrationsübungen an einem Punkt oder in einem begrenzten Bereich zu halten.

Bei der Gehmeditation fokussiert man seine Wahrnehmung auf die Empfindungen beim Gehen. Dies ist eine Methode, die vor allem durch den vietnamesischen Meister Thich Nhat Hanh bekannt wurde.

Eine weitere, nicht so bekannte Methode, ist die von der buddhistischen Nonne Ayya Khema empfohlene „Stück-für-Stück-Methode“, auf die sich dieser Beitrag bezieht. Das Besondere an dieser Methode ist, dass wir während der etwa 1-stündigen Übung mit unserem Geist – also mit der fokussierten Wahrnehmung – Stück für Stück durch die einzelnen Bereiche unseres Körpers wandern, dort jeweils aufkommende Empfindungen, Gefühle oder Emotionen in ihrer Qualität wahrnehmen, dann wieder loslassen und zur nächsten Stelle weitergehen. Von der Nasenspitze bis zu den Zehenspitzen wird jeder Teil des gesamten Körpers behandelt.

Ausschlaggebend ist, die jeweiligen Empfindungen, Gefühle und Emotionen nicht zu bewerten oder zu beurteilen, sondern sie lediglich in ihrer Qualität des Erlebens wahrzunehmen und als solche klar zu erkennen und sich von der Wahrnehmung des Bereichs wieder zu lösen, bevor man zum nächsten Bereich weiter geht.
Mit der Qualität des Erlebens ist gemeint, wie ich die Empfindung wahrnehme und welche Veränderungen dabei geschehen. Es geht weniger darum, was faktisch bei der Wahrnehmung empfunden wird.
Die faktische Wahrnehmung, mit der Frage, was nehme ich wahr und wo tritt es auf, ist eine meditative Wahrnehmung, die bei der Shamata-Meditation geübt wird und den Geist für die Einsicht in die qualitative Wahrnehmung vorbereitet.

Die „Stück-für-Stück-Methode“ hat vielfältige Wirkungen. Einerseits ist sie eine hervorragende Übung, um seine Konzentrationsfähigkeit zu stärken. Der Geist wird durch konsequentes Üben insgesamt ruhiger und weniger ablenkbar. Andererseits ist sie eine Methode der Läuterung (Reinigung, Befreiung) im Sinne des Dhamma. Gefühle und Emotionen, die wir je hatten, manifestieren sich im Körper – vor allem dann, wenn sie sehr oft erlebt werden. Im Körper können sie Blockaden erzeugen und sich als emotionale oder körperliche Störungen und Belastungen zeigen. Übende erleben, dass sich häufiges Üben dieser Methode sehr erleichternd in Bezug auf Blockaden auswirkt.

Eine weitere vorteilhafte Wirkung ist das Üben des Loslassens, das beim Wechseln von einer Stelle im Körper zur nächsten einen wichtigen Aspekt der Übung darstellt.
Dieses Loslassen, das sich während der Ausführung der Methode auf den Körper beschränkt, weitet sich bei konsequenter Praxis automatisch auf alle anderen Bereiche des Lebens aus. Die Anhänglichkeiten an die Dinge und sogar an andere Menschen verringern sich.

Aufkommende Hindernisse, die sich während der Übung in Formen von Ablehnung (Langeweile, körperliche Missempfindungen) oder Anhaftung (Hängenbleiben an angenehmen Empfindungen) zeigen können, werden wahrgenommen. Dieser Erfahrung folgt die Einsicht der Vergänglichkeit aller dieser Phänomene.

Samatha und Vipassana

Samatha und Vipassana sind Sanskrit-Begriffe und beziehen sich auf die beiden Richtungen, in die Meditation gehen kann.

Samatha


Samatha bedeutet ruhiges Verweilen und zielt darauf ab, den Geist durch eine entsprechende Methode zur Ruhe zu bringen.
Samatha ist selbst keine Methode, sondern eine der beiden Richtungen, in die Meditation gehen kann.

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Die stille Sitzmeditation mit Atembetrachtung, ist eine klassische Methode, mit der Samatha geübt wird.
Übende konzentrieren sich dabei auf die Wahrnehmung der Atembewegung und halten dadurch den Geist fokussiert in dieser Wahrnehmung.

Vipassana

Vipassana bedeutet Einsicht in die Natur der Dinge. Es bedeutet Einsicht zu nehmen in sich selbst und die Prozesse und Muster zu erkennen, in denen der Geist arbeitet.
Vipassana ist die andere Richtung, in die Meditation gehen kann.

Mit Einsicht ist hier keine intellektuelle Einsicht gemeint, sondern ein plötzliches, nichtbegriffliches, nichtsprachliches Verstehen, für das in diesem Moment noch keine beschreibenden Worte verfügbar werden. Es ist eine klare Sicht auf ein bestimmtes Thema, für die es keine Argumente braucht.


Hier werden Samatha und Vipassana auch nochmal schön erklärt:
https://yoga-allach.de/die-buddhistische-ruhe-und-einsichtsmeditation/