Meditation, Yoga & Co in Krisenzeiten

Die unglaubliche Wirksamkeit von Entschlossenheit

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Als ich meinen tibetischen Meditationslehrer das erste Mal traf, konnte ich hinter seinem herzlichen Lächeln noch nicht die wohlwollende Strenge erkennen, die uns Adepten in den Kursen später zuteil wurde.

Er forderte uns, ließ uns unsere Grenzen spüren, wenn wir über das gewohnte Maß hinaus lange in Meditationshaltung verharren sollten.
Ich hörte meinen Geist innerlich lautstark Widerstand schreien und spürte die brennenden Beschwerden meines Körpers.

Nein, es war nicht seine Absicht uns zu quälen. Ganz im Gegenteil wollte er uns die Chance geben, einen inneren Sprung in noch unbekanntes Terrain zu machen, auf dem wir die Rohform der Fähigkeiten finden würden, die wir nie gesucht hatten. Fraglos war ich damals ein Meister der Ablehnung und unsicher in Bezug auf meine Stärken und Möglichkeiten.

Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass Willenskraft und Entschlossenheit unabdingbare Aspekte auf dem spirituellen Pfad sind und ich weiß jetzt auch, dass der spirituelle Pfad nicht abseits der Alltagswege verläuft, sondern genau dort und es auf dem Weg nur auf die Art der eigenen Haltung und Bewegung ankommt. Es kommt nur auf uns selbst an.

Schwierige Zeiten lassen uns Entschlossenheit und innere Stärke entwickeln.

Dalai Lama

Immer hatte ich Artisten bewundert, die auf einem kaum fingerdicken Seil balancieren und mich gefragt, wie viel Selbstvertrauen, Mut, Willenskraft und Entschlossenheit dazu gehören, um das zu schaffen. Ich habe mich gefragt, wie oft sie immer wieder neu auf das Seil steigen mussten, wie lange sie üben mussten, bis es das erste Mal klappte.

Wir alle können viel mehr, als wir glauben. Es braucht nur Willenskraft und Entschlossenheit etwas zu erreichen und die Gewissheit, dass wir üben müssen.

Entschlossenheit im Unglück ist immer der halbe Weg zur Rettung.

Johann Heinrich Pestalozzi

Für die Methoden der Meditation und des Yoga ist es nicht anders.
Natürlich ist es notwendig zu wissen, wohin man damit will. Was könnte mich dazu bewegen zu meditieren oder Yoga-Asanas zu üben? Was für den einen etwas mehr an Ruhe und Entspannung ist, das ist für den anderen etwas mehr an Einsicht in sich selbst und damit einhergehend die Möglichkeit, die Belange und Prozesse des persönlichen Lebensalltages zu verändern.

Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen.

Buddha

Und tatsächlich verändern wir unser Leben dadurch, dass wir uns zur Meditation setzen oder auf der Yogamatte üben. Die Früchte unserer Übung bleiben nicht an der Oberfläche, sondern reifen tief in uns hinein. Wir spüren und erleben es, dass wir damit nicht nur unseren Körper entspannen, sondern innere Kräfte und Potentiale mobilisiert werden, die bisher brach lagen. Wir merken es im Umgang mit uns selbst und im Umgang mit unserer Umgebung.

Freude

Freude ist vom ersten bis zum letzten Atemzug ein unauslöschliches Merkmal des Lebens. Sie ist immer in mir, in jedem Moment, an jedem Ort.

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Gewöhnlich schläft die Freude, wenn der Geist mit äußeren Gegebenheiten, diskursivem Denken und Ängsten beschäftigt ist und sie wird dann nur in Abhängigkeit von äußeren Bedingungen geweckt. Sind die Bedingungen vergangen, schläft die Freude wieder ein.

Freude hat mit meinem Geist zu tun. Er erkennt und weiß das, worauf ich ihn richte. Richte ich ihn fokussiert nach innen, was z.B. durch bestimmte meditative Methoden möglich ist, dann kann er die Freude in mir entdecken, erkennen und erleben, ohne dass äußere Bedingungen dafür notwendig sind!
Es ist bedingungslose Freude, die durch eigene Kraft von innen nach außen strahlt und – wie ein Reinigungsagent – Ängste und zweiflerische Gedanken vertreibt, den Mut mobilisiert und die Liebe erwärmt.

Das Beste ist in uns. Es ist ein Schatz, den wir entdecken und heben können, um ihn uns selbst und der Welt zu schenken.

Was ist Meditation? [3]

Der Konfuse Geist

Viele Gründe bewegen Menschen dazu mit Meditation zu beginnen.
Manche suchen einfach innere Ruhe, andere haben vielleicht Schlafstörungen, wieder andere sind von der Voraussicht auf transzendente Erfahrungen motiviert und wieder andere sind einfach neugierig und wollen sich das mal anschauen.

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Ganz gleich, welche Erwägungen Pate standen, alle werden in der ersten Zeit die gleiche Art von Erfahrung machen.
Sie werden feststellen, dass ihr Geist keine sauber aufgeräumte Stube ist, sondern sich von einer recht chaotischen Seite zeigen wird.

Bei den ersten Versuchen – und auch später noch – tauchen alle möglichen Gedanken auf, ablehnende und begehrende Emotionen und körperliche Empfindungen. Ruhe und Entspannung lassen vergeblich auf sich warten.

Wer im Alltag gewohnt ist, sich effektiv mit allerlei Beschäftigung abzulenken oder ein stressiges Leben führt, ist ständig mit einen umtriebigen Geist unterwegs. In der Meditation hätte man sich jetzt etwas Anderes gewünscht. Daher ist es vor allem für Anfänger besonders hilfreich, zum Meditieren einen ruhigen Platz aufzusuchen, um dem Geist nicht unnötig viel Ablenkung anzubieten.
Beschäftigung, Vernetzung und Sammeln von Informationen, sind dabei seine natürliche Lieblingsbeschäftigung.
Kann man von jemandem erwarten, dass er von heute auf morgen den Hürdenlauf meistert, wenn er Bewegung nicht gewohnt ist? Sicher nicht. Mit dem Geist ist es im Prinzip das Selbe. Er muss und will trainiert werden. Deshalb verwendet man für die Meditation gerne den Begriff der Geistesschulung.

Die Sicht wird frei

Wenn die Meditationspraxis dazu führt, dass die Sicht frei wird, hört sich das schon mal gut an.
Wie schön ist es doch auch, alles klar sehen zu können, wenn man mal die Fenster seiner Wohnung gründlich geputzt hat. Da kommt endlich Licht herein, die Farben werden kräftiger und die Konturen werden schärfer.

Was man aber auch klarer sieht, ist der Unrat, der sich im Laufe der Jahre vor der Haustüre angesammelt hat. Der war zuvor kaum erkennbar gewesen.
Mit unserer Innenwelt ist das nicht anders. Die Konturen der angenehmen Aspekte des Daseins werden schärfer und Gedanken, die sonst nur im Hintergrund ihr Spektakel veranstalteten, kommen während der Meditation aber auch in den Blickpunkt.

Das ist der Moment, an dem sich viele Übende fragen, ob sie sich das wirklich anschauen wollen. Es liegt dann einerseits an der Willenskraft und andererseits an der Unterstützung eines Meditationslehrers, Motivation und Anreize nicht versiegen zu lassen.
Was nämlich folgt, sollte Mut machen und Motivation schaffen.

Motivation fördern

Auch wenn die Meditations-Sitzungen in der ersten Zeit nicht gleich die gewünschte Ruhe bringen, so fördern sie doch interessante Aspekte des Geistes zutage.
Wir merken, dass der Geist beschäftigt sein will, wie ein lebhaftes Kind. dabei springt er von einer Ablenkung zu anderen.
Um ihn zur Ruhe zu bringen wird uns ein Meditationslehrer ein Meditationsobjekt anbieten. In der Regel ist das unser eigener Atem, der von selbst abläuft und auf den man den Geist richten kann, um ihn zu beruhigen.
Als Meditationsobjekt kann aber auch der Körper als Gesamtes dienen, indem man aufmerksam in die einzelnen Bereiche des Körpers hinein spürt, die Empfindung unbewertet wahrnimmt und dann zum nächsten Bereich wechselt. Das trainiert das Annehmen und Akzeptieren einer Empfindung und das Loslassen, wenn man zum nächsten Bereich wechselt.
Selbstverständlich können auch äußere Reize, wie Musik oder die Betrachtung eines Bildes den Geist beruhigen.
Es darf ausprobiert werden, was einem besser liegt. Später zu einem anderen Meditationsobjekt zu wechseln ist immer möglich.

Von der Methode zur Meditation

Wenn wir z.B. die Atembetrachtung als Meditationsobjekt für uns gewählt haben und wir damit einigermaßen zurecht kommen, weil wir den Geist von ablenkenden Gedanken immer wieder zum Anker des Atems zurückbringen können, dann haben wir eine Methode.
Die Methode ist ein Werkzeug oder eine Hilfestellung. Sie ist noch nicht die Meditation.
Als wir noch Kinder waren und das Fahrradfahren lernen wollten, haben uns unsere Eltern vielleicht Stützräder an unser Rad gebaut, damit wir auf unseren ersten Fahrversuchen ein Gefühl für unser Fahrrad bekommen und nicht zur Seite weg kippen. Irgendwann, mit zunehmender Übung, merken wir, dass wir die zusätzlichen Räder immer seltener brauchen.
Das Gleiche geschieht bei der Meditation. Wir trainieren unseren Geist dazu, für Momente ruhig und fokussiert zu sein und mit zunehmender Übung stellen sich diese Momente immer öfter ein. Dann erleben wir, wie sich um unseren Atem panoramaartig ein stiller Raum in uns weitet und wir erleben die ersten Momente in Meditation.
Wer fleißig weiter übt, wird irgendwann sogar auf jegliche Standardmethoden verzichten können. Dann ist Der Alltag selbst die Methode und das ist der eigentliche Zweck der Übung.

Achtsamkeit und Gewahrsein

Achtsamkeit und Gewahrsein scheinen auf den ersten Blick das Gleiche zu sein.
Es gibt aber einen kleinen, aber wichtigen Unterschied.


Achtsamkeit

Wenn wir achtsam sind, dann sind wir vollkommen mit unserer aktuellen Handlung identifiziert. Es ist die „Einspitzigkeit“, die Punktgenauigkeit der Wahrnehmung auf das was wir gerade tun oder erleben.Ich kann achtsam sein, wenn ich Geschirr spüle oder Wäsche zusammen lege. Dabei bin ich konzentriert achtsam auf die Bewegungen meiner Hände.In diesem Sinne beschreibt Achtsamkeit einen sehr engen Bereich der Wahrnehmung, der aber äußerst konzentriert ist.


Gewahrsein

Gewahrsein ist auch eine Achtsamkeit, die aber über die oben genannte Punktgenauigkeit hinaus geht. Im Gewahrsein nehmen wir beim Geschirrspülen nicht nur die Bewegung unserer Hände wahr, sondern nehmen auch die Temperatur des Wassers wahr, nehmen die Geräusche des Geschirrs und andere Geräusche um uns wahr und auch unsere unmittelbare Umgebung.Im Gewahrsein erhalten wir eine Gesamtsicht auf die jeweilige Situation. Im Gewahrsein liegt der Beginn der Einsicht (Vipassana) in die gesamte Situation.

Innehalten und neu ausrichten

Innehalten ist ein Bestandteil der Meditationspraxis

Innehalten bedeutet, innerlich „Stop!“ zu sagen und aus dem gerade ablaufenden Prozess auszusteigen und sich selbst zu betrachten.

Da werden mir Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Emotionen bewusst.
Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, das alles zu bewerten und zu beurteilen, sondern darum, es schlicht wahrzunehmen und Übersicht zu erhalten.

Da mag großes Chaos sein, Verunsicherung. Vielleicht Wut, Ärger jedweder andere Ausdruck von Emotion.
In diesem Moment des Innehaltens komme ich zu mir selbst zurück. Ich bin nicht mehr mit dem ablaufenden Prozess identifiziert, sondern nehme die Beobachterperspektive ein.
Beim Innehalten werde ich mir meiner Lebendigkeit und Lebenskraft bewusst.
Es ist eine Seinserfahrung, in der sich der Geist sammelt und sehr scharf fokussiert.

Aus dieser Perspektive, in der ich Übersicht gewinne und nicht mehr vom Prozess mitgerissen werde, kann ich mich neu ausrichten. Ich kann eine Wahl treffen und den Prozess verändern.

Innehalten ist immer wieder eine Art Trick, der sich durch die gesamte Meditationspraxis zieht. Von Anfang bis Ende…

Der erste Gedanke

Der erste Gedanke, der auf eine Frage an uns oder auf ein Ereignis folgt, ist eine Intuition.

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Intuition bedeutet, den Sachverhalt der Frage oder des Ereignisses ohne diskursives Abwägen zu erkennen und zu durchschauen.

Natürlich ist in die intuitive Erkenntnis unser Nervensystem involviert. Intuition ist keine Zauberei.

Der erste Gedanke ist also intuitiver Natur.
Er taucht vor unserem inneren Auge ganz unvermittelt auf, wie eine plötzlich aufleuchtende Glühbirne. Wir wissen nicht, wo sich der Schalter befindet und wir wissen auch nicht, wer ihn für uns betätigt hat.
Der intuitive, erste Gedanke hat noch keinen Diskurs durch den Parcours des Verstandes durchlaufen. Der Verstand ist bis dahin noch unbehelligt.

Wenn wir diesen ersten Gedanken aufgeschnappt und vor uns haben, weckt er unseren Verstand, der sofort damit beginnt, ihn zu überprüfen. Der Verstand wird ähnliche Sachverhalte aus seinem Archiv ziehen, er wird Wünsche und Ängste einladen und den ersten Gedanken zur Prüfung und Befragung vor sein Gericht stellen.

Mit dem zweiten Gedanken haben wir den Zweifel mobilisiert

Zweifel wollen wir natürlich möglichst schnell ausräumen.
Wie oft geschieht es, dass wir den ersten Gedanken wahrnehmen, vielleicht nur kurz schemenhaft, um ihn dann sofort in Zweifel zu ziehen?

In unseren modernen Gesellschaften ist es üblich alles zu hinterfragen. Das Prüfen und Hinterfragen von Sachverhalten taucht bereits in der Antike mit dem Begriff der Dialektik auf und Prüfen und Hinterfragen ist auch ein Grundprinzip der modernen Wissenschaft. Das hat ja absolut auch Berechtigung, wenn es darum geht Fakten auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen.

Tatasche ist allerdings, dass mit dem zweiten Gedanken der erste Gedanke dominiert und oft beiseite geschoben wird und Intuition als Qualität des Geistes nicht ernst genommen wird.

Wenn wir einen Sachverhalt hinterfragen, ziehen wir gerne andere zu Rate. Wir schildern den Sachverhalt und bitten, dazu Stellung zu nehmen.
Die Antworten, die wir bekommen, können unseren Horizont erweitern und viele Perspektiven auf mögliche Versionen von Wahrheit hervorbringen und unser intellektuelles Wissen vermehren, aber sie überdecken unseren ersten Gedanken, der Ausdruck des frischen, klaren Geistes ist.
Der erste Gedanke ist eine ganz unmittelbare Erfahrung, die sich nicht auf jederzeit abrufbar Erlerntes bezieht, sondern sie ist eine Erfahrung, die auf eine große Vielzahl von Informationen zurückgreift, die dem Tagesbewusstsein nicht zugänglich sind. Mit dem ersten Gedanken greifen wir auf das Potential unseres Geistes als Ganzes zu.

Die neue Zeit verbindet altes Wissen und moderne Wissenschaft

Die Menschen indigener Kulturen hatten immer großes Vertrauen in die Fähigkeit ihrer Priester und Weisen, in Kontakt mit Ahnen, Engeln und anderen Geistwesen zu kommen, um Zugang zu tieferem Wissen zu erhalten.
Vielleicht kann man dieses Vertrauen vergleichen mit dem Vertrauen, das die Menschen der modernen Industriegesellschaften heute in die Wissenschaft haben.

Die Quantenphysik gibt uns Hinweise darauf, dass die spirituellen Erfahrungen in den Kulturen aller Zeiten keine Gespinste sind.
Mittlerweile ist auch die Hirnforschung so weit, dass sie beispielsweise meditative Erfahrungen durch Hirnscan-Verfahren nachvollziehen kann und damit den Zugang zu unserer feinstofflichen Welt öffnet, zu der auch die Fähigkeit zur Intuition gehört.

Spiritualität und Wissenschaft nähern sich an und dies schon, seit der Physiker Max Planck erkannte, dass Materie lediglich eine Art kristallisierte Form von Energie ist.

Wir wachsen in eine neue Zeit erhöhten Bewusstseins hinein, durch das wir Vertrauen in unsere geistigen Fähigkeiten wiedergewinnen können und allen Grund haben dürfen, auf unsere Intuition vertrauen zu können.

Innere Demokratie

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Was andere denken, sagen oder tun, kann ich nicht beeinflussen und das ist auch gut so. Ansonsten könnte ich schlimmstenfalls den Diktator in mir wecken.
Ich kann aber meine eigenen Gedanken, meine Rede und mein Handeln prüfen. Das kann schon mal wehtun, weil mir etwa die Hälfte von dem, was mich ausmacht, nicht gefällt und genau diese blöde Hälfte erkenne ich dann auch noch zielsicher in anderen. Wer hätte das gedacht?
Kein Wunder, wenn es Konflikte hagelt.
Es fällt mir oft schwer, meine unangenehmen Anteile zu akzeptieren. Wenn es mir gelingt,
fühlt es sich erleichtert an und die Türe zu meinen guten Anteilen öffnet sich von selbst und ich kann diese Anteile in mir stärken und nach außen bringen.

Ich nenne es „innere Demokratie“, mit sich selbst in konstruktiven Austausch zu kommen, Ablehnung zu vermeiden und sich als Ganzes fühlen zu lernen. In einer harmonischen, inneren Ganzheit finde ich andere Menschen und kann mich mit ihnen verbinden.

Wahrhafte Begegnungen im Zeitenwechsel

Im vergangenen Jahr 2019 hatte ich an einem Tantra-Seminar teilgenommen. Oft wird angenommen, dass es bei solchen Seminaren lediglich um Sex ginge und es sich bei solch einer Veranstaltung im schlimmsten Fall um Gruppensex bei Räucherstäbchen handelt.

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, sei gesagt, dass es bei einem seriösen tantrischen Workshop oder Seminar zu mehr als 90% um bioenergetische Arbeit geht und der Rest – wenn überhaupt – sexuelle Handlungen sind.

Warum beschäftige ich mich mit Tantra?

Jeder von uns hat mehr oder weniger intensiv mit anderen Menschen zu tun. Da gibt es geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die den Umgang regeln und es gibt solche, die ganz individuell sind. Unter den individuellen gibt es wiederum solche, die uns bewusst sind und solche, die unbewusst sind. In jedem Fall richten wir uns nach diesen Regelungen und sind mehr oder weniger damit einverstanden.

Auf der anderen Seite haben wir auch unsere Wünsche. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich stoßen wir dabei oft an Grenzen, weil wir uns nicht trauen, diese Wünsche zu äußern. Je mehr diese Wünsche allgemein oder individuell tabuisiert sind, desto mehr keimt in uns die Angst vor Abweisung auf.

Besonders in unseren modernen Gesellschaften sind Wünsche und Bedürfnisse sexueller Natur mit Tabus belegt. Es klingt paradox, aber der größte Traffic im Internet fällt heutzutage auf Seiten mit pornographischem Inhalt, während wir uns im Alltag eher prüde begegnen.

Dieses Paradox beeinflusst natürlich unsere Lebenspartnerschaft, unsere Liebesbeziehungen, Freundschaften. Offenbar gibt es viele unerfüllte Wünsche und Begierden, mit denen wir unsere Nächsten aus Furcht vor Ablehnung nicht konfrontieren wollen und weichen lieber heimlich auf die virtuelle Welt der Begierden aus oder suchen uns nebenbei heimlich jemanden, der oder die unsere Wünsche und Begierden befriedigt.

Der Fokus der Betrachtung liegt dabei darauf, dass es heimlich getan wird. Am besten soll es niemand wissen, was wir wirklich begehren und wünschen. Dabei trennen wir uns von uns selbst, werden uneins, unerfüllt, häufen seelischen Ballast an.

Ein Grund für dieses Paradox dürfte sein, dass wir allgemeine wie auch individuelle Tabus derart verinnerlicht haben, dass wir diese kaum oder gar nicht mehr in Frage stellen. Wir halten sie selbst dann noch für einen selbstverständlichen Teil unseres menschlichen Daseins, wenn wir in wachen Momenten feststellen, dass wir falsch leben und im Grunde doch eher dem Motto folgen sollten, das sagt: „Wer nicht begehrt, lebt verkehrt.“

Als unbestreitbare Tatsache stelle ich in den Raum, dass sexuelle Energie reine Lebensenergie ist.
„Wir leben in einem sexuellen Universum…“, schreibt Saleem Matthias Riek in seinem Buch „Herzenslust“. Da ist Anziehung, Kreativität, Liebe, Ekstase. All das gibt uns die Natur in ihren vielfältigsten Formen vor und bezieht uns dabei mit ein. Wir sind davon nicht getrennt.

Unterdrücken wir unseren sexuellen Anteil, unterdrücken wir demnach unsere Lebensenergie.
In der Chakrenlehre steigt die Lebensenergie als sexuelle Energie vom untersten Chakra aus dem Becken nach oben und verfeinert sich auf ihrem Weg durch die 7 Chakren, verwandelt sich zu Willenskraft, Liebe, Mitgefühl, Intuition, bis hin zum sogenannten kosmischen Bewusstsein, das Menschen zur Erleuchtung führt. Die sexuelle Energie ist der Urstoff des Lebens, der sich vielfältig und erfüllend verwandeln kann, sofern man mit ihm intelligent umgeht.

In der Begegnung mit anderen Menschen erfahren wir uns selbst zusammen mit dem anderen Menschen. Wir berühren gegenseitig unsere Gefühlswelt, erzeugen Emotionen und aktivieren unterdrückte „Kellergefühle“, die aus früheren Verletzungen entstanden, und die tief in uns verborgen liegende Energiefresser sind.

Wie kann man mit seinen Gefühlen, Wünschen und Begierden umgehen, so dass keine unnötigen Verletzungen entstehen, sondern Erfüllung und Ganzheit des Seins entstehen können?

Das absolut Wichtigste dürfte sein, sich selbst besser kennen zu lernen, sich mehr und mehr selbst zu verstehen und anzunehmen.
Bildlich dargestellt gehe ich dabei wachen Auges auf mich selbst zu, sage mir meine eigene Wahrheit ins Gesicht und umarme mich selbst liebevoll – so, wie eine liebende Mutter ihr Kind umarmt.
Ich mache mich damit verletzlich, ich öffne mich meiner eigenen Wahrheit ohne Mauern und nehme mich so an, wie ich bin.

Wenn mir das – nach einiger Übung – gelingt, bemerke ich, dass ich in anderen Menschen im Grunde die gleichen Bedürfnisse und Wünsche erkenne, die ich selbst habe. Ich erkenne in ihnen vergleichbare Verletzungen und Ängste.

Mich für mich selbst zu öffnen, öffnet mich auch für andere Menschen. Offenheit für mich selbst lässt auch zu, dass ich mich mehr und mehr meinen verborgenen Gefühlen widmen kann, um sie irgendwann endgültig loslassen zu können, anstatt sie weiter als Ballast mit mir herumzutragen.
Ein großes Stück Freiheit und Lebenskraft wird spürbar, die auch für andere Menschen spürbar werden.

Achtsamkeit mir selbst gegenüber ist die erste Grundregel

Achtsamkeit ist das Motto. Grundsätzlich ist es von großer Wichtigkeit, ganz dicht bei seinen eigenen, inneren Prozessen zu bleiben.
Wenn ich weiß, wie ich selbst ticke, bin ich auch empathisch gegenüber der Welt eines anderen Menschen und werde mich dementsprechend respektvoll und mitfühlend nähern und verhalten.
Was auch immer hochkommt bei Begegnungen – Gefühle, Emotionen – es gehört zu mir und es ist nicht da, um mich zu ärgern, sondern um mir zu helfen und mich zu leiten und auf diese Weise Missverständnisse und Enttäuschungen bei Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden.

Viele Menschen haben gemerkt, dass die Zeit angebrochen ist, um sich zu öffnen und wahr zu werden und Liebe, Mitgefühl und Respekt miteinander zu teilen.
Die fragmentierende innere Haltung, die man vielleicht einen geistigen Materialismus nennen könnte und zu Trennung von sich selbst und anderen Wesen auf dieser Erde führt, hat immer weniger Bestand.

Ob es der Weg des Tantra ist oder ein anderer, dürfte weniger wichtig sein. Es geht darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen und innere Mauern einzureißen.
Bei diesem Prozess wird klar werden, dass sich Wahrheit, Liebe, Offenheit und Respekt auf alle Bereiche des gesamten Lebens ausweiten und diese konstruktiv transformieren.

Freiheit

Wenn ich mich daran gewöhne, immer auf Äußeres zu reagieren, laufe ich Gefahr zur Marionette zu werden. Reaktionen folgen grundsätzlich auf Impulse von Ablehnung oder Anhaftung.
Ich kann dieses Muster unterbrechen, sobald ich es als solches ganz klar erkenne. Es ist der allererste und damit absolut wichtigste Schritt in Richtung Freiheit. Diese Erkenntnis ist entgegen fast aller unserer Lebensgewohnheiten, weswegen wir immer und immer wieder Unfreiheit und damit Leid erzeugen.
Unser Herz steht stellvertretend für ein vollkommen offenes Bewusstsein, in dem natürlicherweise Ablehnung oder Anhaftung ausgeschlossen sind.
Das Herz macht keinen Unterschied zwischen Innen und Außen, es kennt kein Ich und kein Du. Das Herz steht stellvertretend für Familie, in der die gesamte Existenz ihren Platz hat. Kein Blatt am Baum, kein einziges Tier, keine Mikrobe, kein einziger Mensch ist davon getrennt.
Diese Gemeinschaft als Wahrheit zu erkennen, würde Freiheit bedeuten.

Innere Muster erkennen und auflösen

Unsere Emotionen und unsere Reaktionen darauf schreiben das Schauspiel unseres Lebens…

Nicht selten können manche Auftritte auf der Bühne unseres Lebens dramatisch werden, wenn Emotionen mit uns durchgehen und uns Wut, Ärger, Eifersucht, Begierden oder Neid die Suppe versalzen.
Wenn das passiert, fragen wir uns, in welchem Narrenstück wir da manchmal teilnehmen und ob wir uns nicht vielleicht auch eine bessere Rolle auswählen können?

Ja, wir können! Allerdings reicht nicht das alleinige Wollen, bei dem man sagt: „Es wäre ja nicht schlecht, wenn…“. Es braucht Willenskraft für eine klare und verbindliche Entscheidung etwas verändern zu wollen und es ist dann auch Ausdauer bei der Umsetzung gefragt.
So, wie unsere automatischen Reaktionsmuster im Umgang mit Emotionen nicht von heute auf morgen entstanden sind und sich im Unterbewussten eingenistet haben, so braucht es Zeit und Durchhaltevermögen, um die inspirierenden Qualitäten in sich hervor zu bringen, die einen besseren Umgang mit Emotionen ermöglichen.

Wir tragen selbst die Verantwortung dafür, ob wir zulassen, dass Emotionen uns fortreißen, oder ob wir durch geeignete Methoden lernen, auf selbstbestimmte Art mit dem umzugehen, was in uns geschieht.

In der buddhistischen Psychologie ist eine Methode aus 5 Schritten beschrieben, die äußerst hilfreich ist, um mit belastenden Emotionen konstruktiv umgehen zu lernen. Die entsprechenden Emotionen und Auslöser sind folgende:

  • Mangelndes Gewahrsein (Unwissenheit) bedeutet nicht sehen zu wollen, sich abzulenken und Ursachen nicht erkennen zu können. Mangelndes Gewahrsein wird auch als Unbewusstheit bezeichnet.
  • Begierde (Anhaftung, Abhängigkeit, Verlangen) hält fest, kann nicht loslassen und das Verlangen nach einer anderen Situation erzeugt Unzufriedenheit.
  • Stolz (Hochmut, Arroganz, Herablassung) ist gewissermaßen das Zentrum von Ich-Bezogenheit und baut eine regelrechte Festung um sich selbst auf.
  • Eifersucht (Neid, Rivalität) gründet auf Verlustängste und das Gefühl von Minderwertigkeit und ist das Gegenteil von Stolz.
  • Wut (Ärger, Zorn) ist eine extreme Form von Ablehnung. Wenn ich etwas nicht bekomme oder etwas nicht loswerde, kann Wut entstehen.

Die obige Abbildung verdeutlicht, dass entsprechende Emotionen über Mangelndes Gewahrsein miteinander in Verbindung stehen. Jeweils horizontal und vertikal bilden die Emotionen Gegensatzpaare.

Was bedeutet das?
Wut und Begierde sind voneinander abhängig. Wenn ich wütend und ablehnend bin, habe ich gleichzeitig auch ein Verlangen (Begierde). Ich will das eine, bekomme aber etwas Anderes, das ich nicht will.

Stolz und Eifersucht sind über Rivalität miteinander verbunden. Mein Stolz befiehlt mir, besser zu sein, als ein Rivale. Auf einen Rivalen, den ich als besser als mich selbst ansehe, folgt bei mir eifersüchtiges, neidisches Verhalten.

Es sollte einleuchtend sein, dass nicht nur die jeweiligen Gegensatzpaare miteinander reagieren. Verletzter Stolz kann Wut auf den Plan bringen. Die Begierde nach etwas, das ich nicht habe, kann mich eifersüchtig machen.

Mangelndes Gewahrsein nimmt eine zentrale Position ein, weil ich in Unwissenheit darüber bin, was in mir geschieht. Ich nehme die in mir ablaufenden Prozesse in ihrer Komplexität und Logik nicht wahr. Ich schaue nicht hin, lenke mich ab oder bin in meiner emotionalen Reaktion gefangen, fürchte die Konfrontation mit mir selbst und verschließe mich mir selbst gegenüber.
Dieses Verschließen und Boykottieren ist ein Ausdruck von Angst, während bereitwilliges und mutiges Öffnen, Hinsehen und Hinspüren und Annehmen ein Ausdruck von Liebe, Mitgefühl und Gleichmut sind. Es sind die Qualitäten, die wir in uns entwickeln können, wenn wir bereit sind nach innen zu gehen. Diese heilsamen Qualitäten, die hier exemplarisch genannt werden, bilden einen Leitfaden und eine Zielsetzung für unsere Entwicklung. Danach richten wir uns aus und rufen es uns immer wieder in Erinnerung.
Natürlich steht es jedem Menschen frei, diese Prioritäten nach seinem eigenen Ermessen durch weitere anzupassen oder auch im Verlauf der eigenen Entwicklung durch andere Prioritäten zu ersetzen oder nicht mehr stimmige auszusortieren. Wichtig ist, über diese Anpassungen wirklich klar nachzudenken und in die Stimmigkeit der Wahl hinein zu spüren.

Ein Übungsweg in fünf Schritten

Hier ist es notwendig, sich an die Reihenfolge der Schritte zu halten, da sie aufeinander aufbauen. Je mehr Fortschritte man durch Übung macht, desto dichter und schneller folgen die Schritte aufeinander, bis sie sich nahezu wie ein einziger Schritt anfühlen.

  1. Innehalten: Der erste Schritt ist der wichtigste. Lässt man ihn aus, wird der Erfolg der Übungsreihe mit ziemlicher Gewissheit ausbleiben.
    Kommt eine Emotion auf, sage ich zu mir innerlich „Stop!“. Es ist eine Abmachung, die man mit sich selbst trifft. Es ist ein verbindlicher Vertrag, den man mit sich selbst eingeht. Man „unterschreibt“ diesen Vertrag in Zeiten, in denen man nicht von Emotionen gebeutelt wird. Es muss eine klare Entscheidung sein, sich im akuten Fall daran zu halten.
    Ein Innehalten schafft Freiraum. Zwischen einem Auslöser und der Reaktion darauf ist Raum, der vor allem in aufgewühlten Situationen vollkommen übersehen wird. Vielleicht ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich diesen Raum überhaupt erlebe.
    Dieser innere, geistige Raum kann als Gewahrseinsraum bezeichnet werden. Durch das Gewahrwerden löst sich meine Identifikation mit der Emotion. Es entsteht Abstand. Erst jetzt habe ich die Möglichkeit, Qualität, Intensität und Form der Emotion wahrzunehmen. Auch kann ich spüren, wo in meinem Körper die Emotion auftaucht oder am stärksten wahrnehmbar ist. Es kommt Interesse auf, Entspannung und Gelöstheit werden spürbar.
    Jetzt habe ich Zeit gewonnen. Mein Reaktionsmuster wurde unterbrochen, weil ich die Emotion nicht ausagiert habe und die Kontrolle über mich zurückerhalten habe. Nun kann ich zum zweiten Schritt gehen.
  2. Heilsame Methoden und Affirmationen aufrufen: Im zweiten Schritt stelle ich mein augenblickliches emotionales Erleben den Erkenntnissen und Einsichten gegenüber, die den Druck Emotion ausagieren zu müssen abschwächen.
    Es ist ein kontemplatives Vorgehen. Meine eigene, momentane Erlebenssituation wird ins Verhältnis zu dem gesetzt, was ich über Auswirkung und Bedeutung von Emotionen durch Unterweisungen, Lehrsätze, Texte oder durch mein eigenes Reflektieren gelernt habe.
    Daher ist es notwendig, diese Affirmationen in der Erinnerung parat zu haben.
  3. Eine andere Perspektive auf die Emotion einnehmen
    Grundsätzlich ist die Emotion selbst nicht das Problem. Problematisch ist der Umgang damit. Wenn ich mit der Emotion identifiziert bin und ich mich ihr dadurch ausgeliefert fühle und gar nicht mehr anders kann, als die Emotion auszuagieren, sehe ich sie als machtvolle Kraft, deren Opfer ich werde.
    Eine andere Sicht auf die Emotion einzunehmen kann bedeuten, die Emotion zu etikettieren, ihr beispielsweise einen Namen zu geben und dadurch die Identifikation abzuschwächen.
    Ebenso kann ich sie als Helfer ansehen, die mich auch ein Problem aufmerksam machen will. Mein Fokus verlagert sich dadurch auf das dahinter stehende Problem und seinen Auslöser und die Fixierung auf die Emotion selbst schwächt sich ab.
  4. Das Wesen der Emotion erkennen
    Alle geistigen Bewegungen haben die selbe Natur. So auch Emotionen. Sie sind auftauchende und vergängliche Phänomene ohne greifbare Substanz. Durch Gewahrsein (Bewusstheit) kann ich die Emotion in ihrer Qualität und Intensität in meinem Körper lokalisieren und wahrnehmen und als auftauchende und vergängliche Erscheinung annehmen, ohne sie bekämpfen zu müssen.
  5. Emotionen als Weg zur eigenen Entwicklung nutzen
    Der 5. Schritt kann erst dann sinnvoll genutzt werden, wenn die vorangehenden Schritte geübt und verinnerlicht wurden.
    Dieser letzte Schritt ist einerseits ein Übungsschritt für Alltagssituationen, als auch ein Schritt, um mit willentlich herbeigeführten emotionalen Ereignissen zu üben.
    Bei diesem Schritt geht man geradezu auf die Suche nach herausfordernden Situationen, um den Umgang damit zu üben.