Gott in der Fliege

Den Begriff „Gott“ verwende ich höchst selten, weil ich das, was er verkörpert, überall sehen kann…wenn ich hinschaue.

Neulich hatte ich die Gelegenheit, eine Stubenfliege unter einem Mikroskop zu betrachten.

Was ich entdeckte, wirkte für mich wie die Sequenz aus einem modernen Science-Fiction-Thriller und dabei handelte es sich „nur“ um die stark vergrößerte Ansicht einer gewöhnlichen Fliege. Natürlich kannte ich solche Ansichten bereits von Fotos, aber jetzt lag dieses faszinierende Wesen, das man gewöhnlich reflexartig verscheucht oder achtlos erschlägt, live vor mir.

Ja, ich war mehr als beeindruckt von dieser Erfahrung. Ich hatte die Gelegenheit genau hin zu sehen, Details zu betrachten und zu erleben, wie sich in mir Ehrfurcht anfühlt.

Ganz spontan tauchte in mir die Frage auf, welcher geniale Geist imstande ist, ein so faszinierendes und skurril schönes Geschöpf entstehen zu lassen? Alle Details an diesem Wesen würden wohl eine ganz bestimmte Funktion haben, um sein Überleben zu sichern und darüber hinaus schaute mich so viel atemberaubend kreatives Design durch mein Mikroskop an. Schillernde Farben, symmetrische Linien und Formen, von künstlerischer Hand liebevoll erschaffen.

Ich schwor mir in diesem Augenblick, einer Fliege niemals mehr achtlos zu begegnen, denn jedes Mal würde der Anblick der stark vergrößerten Fliege als Zeugnis göttlicher Schöpfung in meiner Erinnerung auftauchen.

Wie viel Schönheit, Komplexität und Kreativität kann ich in einem Blatt entdecken oder in der mikroskopischen Ansicht eines beliebigen Tieres oder eines Menschen?

Der gewöhnliche Alltagsblick geht über das Göttliche hinweg, das ich überall entdecken kann, wenn ich hin sehe.

In allem was ich denke, fühle und wie ich handele, steckt der göttliche Funke, der auch mich selbst erschaffen hat.

Die Kette der Freundlichkeit

Vor ungefähr 30 Jahren hatte ich die Gelegenheit, in Deutschland bei einem Apache-Indianer an einem Workshop teilzunehmen.


Es war ein Workshop, wie es sie als Selbsterfahrungskurse viele gab und gibt, mit bioenergetischen Übungen, Yoga und Meditation.
Das Besondere an diesem Workshop war, dass der Referent auch aus der Weltsicht seiner indianischen Herkunft erzählte.

Mir ist bis heute seine Beschreibung der Zusammenhänge von Ursache und Wirkung klar in Erinnerung geblieben.

Alles was wir, ausgehend von einer Absicht, aussenden, ob als Gedanke oder Handlung, nimmt seinen Weg durch das Universum, lädt sich auf seinem Weg mit eben dieser Qualität und Intention auf und kehrt zu uns zurück.

Logischerweise erzeugen wir dadurch gute oder schlechte Resultate, je nachdem was wir ausgesendet hatten.

In viel späteren Jahren lernte ich die buddhistische Nonne Pema Chodron über ihre Bücher kennen und damit auch die buddhistische Weltsicht.


Alle Wesen mögen glücklich sein.

So lautet ein Kernsatz buddhistischer Weltsicht. Und wenn ich von alle rede, meine ich damit natürlich auch mich selbst.
Alles was ich denke und wie ich handele, hat Einfluss auf meine Umgebung und in der Folge auch auf mich selbst. Aus diesem Grund hat die Gebefreudigkeit im Buddhismus einen sehr hohen Stellenwert.

Diese Weltsicht kennen wir nicht nur aus indianischen Traditionen oder aus dem Buddhismus, sondern unter Anderem auch aus christlicher Sicht, wenn wir von Nächstenliebe sprechen.

Ausgehend von dieser verbindenden Affirmation, hat sich mehr oder weniger kollektiv die Kette der Freundlichkeit entwickelt.

Für mich persönlich bedeutet es, dass ich Verdienste oder Leistungen nicht immer für mich behalte, sondern weiter gebe. Wenn man so will, nähre ich damit die Welt mit guter Energie, wodurch die Welt auch wieder für mich sorgt, weil ich verbundener Teil dieser Welt bin.

Auf sehr einfache, direkte und pragmatische Weise, kann man es durch ein Lächeln verifizieren, dass man anderen schenkt.
Es kommt (meist) auf direktem Wege zurück.

Meditationsmeister Henepola Gunaratana zu seinen Schülern…

„Irgendwann in diesem Prozess (der Meditation) sehen Sie sich mit der plötzlichen und schockierenden Einsicht konfrontiert, dass Sie total verrückt sind. Ihr Geist ist ein kreischendes, stammelndes Tollhaus auf Rädern, das führerlos einen Abhang hinunter poltert, hoffnungslos und völlig außer Kontrolle. Das ist kein Problem. Sie sind jetzt nicht verrückter, als Sie es gestern waren. Sie waren es schon immer – es ist Ihnen nur nicht aufgefallen.“

Henepola Gunaratana ist ein 1927 in Sri Lanka geborener Mönch der buddhistischen Theravada-Tradition. Er lebt seit 1968 in USA.

Der Baum, ein Sozialwesen

Bildquelle: Paolo Bendandi, lizenzfreie Bilder auf Unsplash.com

Warum sind Bäume derart soziale Wesen, warum teilen Sie ihre Nahrung mit Artgenossen und päppeln darüber ihre Konkurrenz hoch?
Die Gründe sind die selben wie bei menschlichen Gesellschaften: Gemeinsam geht es besser. Ein Baum ist kein Wald, kann kein lokales ausgeglichenes Klima herstellen, ist Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Zusammen dagegen schaffen viele Bäume ein Ökosystem, das Hitze- und Kälteextreme abfedert, eine Menge Wasser speichert und sehr feuchte Luft erzeugt. In so einem Umfeld können Bäume geschützt leben und uralt werden. Um das zu erreichen, muss die Gemeinschaft um jeden Preis erhalten bleiben.

(Peter Wohlleben – Das Geheime Leben der Bäume)