Wahrhafte Begegnungen im Zeitenwechsel

Im vergangenen Jahr 2019 hatte ich an einem Tantra-Seminar teilgenommen. Oft wird angenommen, dass es bei solchen Seminaren lediglich um Sex ginge und es sich bei solch einer Veranstaltung im schlimmsten Fall um Gruppensex bei Räucherstäbchen handelt.

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, sei gesagt, dass es bei einem seriösen tantrischen Workshop oder Seminar zu mehr als 90% um bioenergetische Arbeit geht und der Rest – wenn überhaupt – sexuelle Handlungen sind.

Warum beschäftige ich mich mit Tantra?

Jeder von uns hat mehr oder weniger intensiv mit anderen Menschen zu tun. Da gibt es geschriebene und ungeschriebene Gesetze, die den Umgang regeln und es gibt solche, die ganz individuell sind. Unter den individuellen gibt es wiederum solche, die uns bewusst sind und solche, die unbewusst sind. In jedem Fall richten wir uns nach diesen Regelungen und sind mehr oder weniger damit einverstanden.

Auf der anderen Seite haben wir auch unsere Wünsche. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich stoßen wir dabei oft an Grenzen, weil wir uns nicht trauen, diese Wünsche zu äußern. Je mehr diese Wünsche allgemein oder individuell tabuisiert sind, desto mehr keimt in uns die Angst vor Abweisung auf.

Besonders in unseren modernen Gesellschaften sind Wünsche und Bedürfnisse sexueller Natur mit Tabus belegt. Es klingt paradox, aber der größte Traffic im Internet fällt heutzutage auf Seiten mit pornographischem Inhalt, während wir uns im Alltag eher prüde begegnen.

Dieses Paradox beeinflusst natürlich unsere Lebenspartnerschaft, unsere Liebesbeziehungen, Freundschaften. Offenbar gibt es viele unerfüllte Wünsche und Begierden, mit denen wir unsere Nächsten aus Furcht vor Ablehnung nicht konfrontieren wollen und weichen lieber heimlich auf die virtuelle Welt der Begierden aus oder suchen uns nebenbei heimlich jemanden, der oder die unsere Wünsche und Begierden befriedigt.

Der Fokus der Betrachtung liegt dabei darauf, dass es heimlich getan wird. Am besten soll es niemand wissen, was wir wirklich begehren und wünschen. Dabei trennen wir uns von uns selbst, werden uneins, unerfüllt, häufen seelischen Ballast an.

Ein Grund für dieses Paradox dürfte sein, dass wir allgemeine wie auch individuelle Tabus derart verinnerlicht haben, dass wir diese kaum oder gar nicht mehr in Frage stellen. Wir halten sie selbst dann noch für einen selbstverständlichen Teil unseres menschlichen Daseins, wenn wir in wachen Momenten feststellen, dass wir falsch leben und im Grunde doch eher dem Motto folgen sollten, das sagt: „Wer nicht begehrt, lebt verkehrt.“

Als unbestreitbare Tatsache stelle ich in den Raum, dass sexuelle Energie reine Lebensenergie ist.
„Wir leben in einem sexuellen Universum…“, schreibt Saleem Matthias Riek in seinem Buch „Herzenslust“. Da ist Anziehung, Kreativität, Liebe, Ekstase. All das gibt uns die Natur in ihren vielfältigsten Formen vor und bezieht uns dabei mit ein. Wir sind davon nicht getrennt.

Unterdrücken wir unseren sexuellen Anteil, unterdrücken wir demnach unsere Lebensenergie.
In der Chakrenlehre steigt die Lebensenergie als sexuelle Energie vom untersten Chakra aus dem Becken nach oben und verfeinert sich auf ihrem Weg durch die 7 Chakren, verwandelt sich zu Willenskraft, Liebe, Mitgefühl, Intuition, bis hin zum sogenannten kosmischen Bewusstsein, das Menschen zur Erleuchtung führt. Die sexuelle Energie ist der Urstoff des Lebens, der sich vielfältig und erfüllend verwandeln kann, sofern man mit ihm intelligent umgeht.

In der Begegnung mit anderen Menschen erfahren wir uns selbst zusammen mit dem anderen Menschen. Wir berühren gegenseitig unsere Gefühlswelt, erzeugen Emotionen und aktivieren unterdrückte „Kellergefühle“, die aus früheren Verletzungen entstanden, und die tief in uns verborgen liegende Energiefresser sind.

Wie kann man mit seinen Gefühlen, Wünschen und Begierden umgehen, so dass keine unnötigen Verletzungen entstehen, sondern Erfüllung und Ganzheit des Seins entstehen können?

Das absolut Wichtigste dürfte sein, sich selbst besser kennen zu lernen, sich mehr und mehr selbst zu verstehen und anzunehmen.
Bildlich dargestellt gehe ich dabei wachen Auges auf mich selbst zu, sage mir meine eigene Wahrheit ins Gesicht und umarme mich selbst liebevoll – so, wie eine liebende Mutter ihr Kind umarmt.
Ich mache mich damit verletzlich, ich öffne mich meiner eigenen Wahrheit ohne Mauern und nehme mich so an, wie ich bin.

Wenn mir das – nach einiger Übung – gelingt, bemerke ich, dass ich in anderen Menschen im Grunde die gleichen Bedürfnisse und Wünsche erkenne, die ich selbst habe. Ich erkenne in ihnen vergleichbare Verletzungen und Ängste.

Mich für mich selbst zu öffnen, öffnet mich auch für andere Menschen. Offenheit für mich selbst lässt auch zu, dass ich mich mehr und mehr meinen verborgenen Gefühlen widmen kann, um sie irgendwann endgültig loslassen zu können, anstatt sie weiter als Ballast mit mir herumzutragen.
Ein großes Stück Freiheit und Lebenskraft wird spürbar, die auch für andere Menschen spürbar werden.

Achtsamkeit mir selbst gegenüber ist die erste Grundregel

Achtsamkeit ist das Motto. Grundsätzlich ist es von großer Wichtigkeit, ganz dicht bei seinen eigenen, inneren Prozessen zu bleiben.
Wenn ich weiß, wie ich selbst ticke, bin ich auch empathisch gegenüber der Welt eines anderen Menschen und werde mich dementsprechend respektvoll und mitfühlend nähern und verhalten.
Was auch immer hochkommt bei Begegnungen – Gefühle, Emotionen – es gehört zu mir und es ist nicht da, um mich zu ärgern, sondern um mir zu helfen und mich zu leiten und auf diese Weise Missverständnisse und Enttäuschungen bei Begegnungen mit anderen Menschen zu vermeiden.

Viele Menschen haben gemerkt, dass die Zeit angebrochen ist, um sich zu öffnen und wahr zu werden und Liebe, Mitgefühl und Respekt miteinander zu teilen.
Die fragmentierende innere Haltung, die man vielleicht einen geistigen Materialismus nennen könnte und zu Trennung von sich selbst und anderen Wesen auf dieser Erde führt, hat immer weniger Bestand.

Ob es der Weg des Tantra ist oder ein anderer, dürfte weniger wichtig sein. Es geht darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen und innere Mauern einzureißen.
Bei diesem Prozess wird klar werden, dass sich Wahrheit, Liebe, Offenheit und Respekt auf alle Bereiche des gesamten Lebens ausweiten und diese konstruktiv transformieren.

Innere Muster erkennen und auflösen

Unsere Emotionen und unsere Reaktionen darauf schreiben das Schauspiel unseres Lebens…

Nicht selten können manche Auftritte auf der Bühne unseres Lebens dramatisch werden, wenn Emotionen mit uns durchgehen und uns Wut, Ärger, Eifersucht, Begierden oder Neid die Suppe versalzen.
Wenn das passiert, fragen wir uns, in welchem Narrenstück wir da manchmal teilnehmen und ob wir uns nicht vielleicht auch eine bessere Rolle auswählen können?

Ja, wir können! Allerdings reicht nicht das alleinige Wollen, bei dem man sagt: „Es wäre ja nicht schlecht, wenn…“. Es braucht Willenskraft für eine klare und verbindliche Entscheidung etwas verändern zu wollen und es ist dann auch Ausdauer bei der Umsetzung gefragt.
So, wie unsere automatischen Reaktionsmuster im Umgang mit Emotionen nicht von heute auf morgen entstanden sind und sich im Unterbewussten eingenistet haben, so braucht es Zeit und Durchhaltevermögen, um die inspirierenden Qualitäten in sich hervor zu bringen, die einen besseren Umgang mit Emotionen ermöglichen.

Wir tragen selbst die Verantwortung dafür, ob wir zulassen, dass Emotionen uns fortreißen, oder ob wir durch geeignete Methoden lernen, auf selbstbestimmte Art mit dem umzugehen, was in uns geschieht.

In der buddhistischen Psychologie ist eine Methode aus 5 Schritten beschrieben, die äußerst hilfreich ist, um mit belastenden Emotionen konstruktiv umgehen zu lernen. Die entsprechenden Emotionen und Auslöser sind folgende:

  • Mangelndes Gewahrsein (Unwissenheit) bedeutet nicht sehen zu wollen, sich abzulenken und Ursachen nicht erkennen zu können. Mangelndes Gewahrsein wird auch als Unbewusstheit bezeichnet.
  • Begierde (Anhaftung, Abhängigkeit, Verlangen) hält fest, kann nicht loslassen und das Verlangen nach einer anderen Situation erzeugt Unzufriedenheit.
  • Stolz (Hochmut, Arroganz, Herablassung) ist gewissermaßen das Zentrum von Ich-Bezogenheit und baut eine regelrechte Festung um sich selbst auf.
  • Eifersucht (Neid, Rivalität) gründet auf Verlustängste und das Gefühl von Minderwertigkeit und ist das Gegenteil von Stolz.
  • Wut (Ärger, Zorn) ist eine extreme Form von Ablehnung. Wenn ich etwas nicht bekomme oder etwas nicht loswerde, kann Wut entstehen.

Die obige Abbildung verdeutlicht, dass entsprechende Emotionen über Mangelndes Gewahrsein miteinander in Verbindung stehen. Jeweils horizontal und vertikal bilden die Emotionen Gegensatzpaare.

Was bedeutet das?
Wut und Begierde sind voneinander abhängig. Wenn ich wütend und ablehnend bin, habe ich gleichzeitig auch ein Verlangen (Begierde). Ich will das eine, bekomme aber etwas Anderes, das ich nicht will.

Stolz und Eifersucht sind über Rivalität miteinander verbunden. Mein Stolz befiehlt mir, besser zu sein, als ein Rivale. Auf einen Rivalen, den ich als besser als mich selbst ansehe, folgt bei mir eifersüchtiges, neidisches Verhalten.

Es sollte einleuchtend sein, dass nicht nur die jeweiligen Gegensatzpaare miteinander reagieren. Verletzter Stolz kann Wut auf den Plan bringen. Die Begierde nach etwas, das ich nicht habe, kann mich eifersüchtig machen.

Mangelndes Gewahrsein nimmt eine zentrale Position ein, weil ich in Unwissenheit darüber bin, was in mir geschieht. Ich nehme die in mir ablaufenden Prozesse in ihrer Komplexität und Logik nicht wahr. Ich schaue nicht hin, lenke mich ab oder bin in meiner emotionalen Reaktion gefangen, fürchte die Konfrontation mit mir selbst und verschließe mich mir selbst gegenüber.
Dieses Verschließen und Boykottieren ist ein Ausdruck von Angst, während bereitwilliges und mutiges Öffnen, Hinsehen und Hinspüren und Annehmen ein Ausdruck von Liebe, Mitgefühl und Gleichmut sind. Es sind die Qualitäten, die wir in uns entwickeln können, wenn wir bereit sind nach innen zu gehen. Diese heilsamen Qualitäten, die hier exemplarisch genannt werden, bilden einen Leitfaden und eine Zielsetzung für unsere Entwicklung. Danach richten wir uns aus und rufen es uns immer wieder in Erinnerung.
Natürlich steht es jedem Menschen frei, diese Prioritäten nach seinem eigenen Ermessen durch weitere anzupassen oder auch im Verlauf der eigenen Entwicklung durch andere Prioritäten zu ersetzen oder nicht mehr stimmige auszusortieren. Wichtig ist, über diese Anpassungen wirklich klar nachzudenken und in die Stimmigkeit der Wahl hinein zu spüren.

Ein Übungsweg in fünf Schritten

Hier ist es notwendig, sich an die Reihenfolge der Schritte zu halten, da sie aufeinander aufbauen. Je mehr Fortschritte man durch Übung macht, desto dichter und schneller folgen die Schritte aufeinander, bis sie sich nahezu wie ein einziger Schritt anfühlen.

  1. Innehalten: Der erste Schritt ist der wichtigste. Lässt man ihn aus, wird der Erfolg der Übungsreihe mit ziemlicher Gewissheit ausbleiben.
    Kommt eine Emotion auf, sage ich zu mir innerlich „Stop!“. Es ist eine Abmachung, die man mit sich selbst trifft. Es ist ein verbindlicher Vertrag, den man mit sich selbst eingeht. Man „unterschreibt“ diesen Vertrag in Zeiten, in denen man nicht von Emotionen gebeutelt wird. Es muss eine klare Entscheidung sein, sich im akuten Fall daran zu halten.
    Ein Innehalten schafft Freiraum. Zwischen einem Auslöser und der Reaktion darauf ist Raum, der vor allem in aufgewühlten Situationen vollkommen übersehen wird. Vielleicht ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich diesen Raum überhaupt erlebe.
    Dieser innere, geistige Raum kann als Gewahrseinsraum bezeichnet werden. Durch das Gewahrwerden löst sich meine Identifikation mit der Emotion. Es entsteht Abstand. Erst jetzt habe ich die Möglichkeit, Qualität, Intensität und Form der Emotion wahrzunehmen. Auch kann ich spüren, wo in meinem Körper die Emotion auftaucht oder am stärksten wahrnehmbar ist. Es kommt Interesse auf, Entspannung und Gelöstheit werden spürbar.
    Jetzt habe ich Zeit gewonnen. Mein Reaktionsmuster wurde unterbrochen, weil ich die Emotion nicht ausagiert habe und die Kontrolle über mich zurückerhalten habe. Nun kann ich zum zweiten Schritt gehen.
  2. Heilsame Methoden und Affirmationen aufrufen: Im zweiten Schritt stelle ich mein augenblickliches emotionales Erleben den Erkenntnissen und Einsichten gegenüber, die den Druck Emotion ausagieren zu müssen abschwächen.
    Es ist ein kontemplatives Vorgehen. Meine eigene, momentane Erlebenssituation wird ins Verhältnis zu dem gesetzt, was ich über Auswirkung und Bedeutung von Emotionen durch Unterweisungen, Lehrsätze, Texte oder durch mein eigenes Reflektieren gelernt habe.
    Daher ist es notwendig, diese Affirmationen in der Erinnerung parat zu haben.
  3. Eine andere Perspektive auf die Emotion einnehmen
    Grundsätzlich ist die Emotion selbst nicht das Problem. Problematisch ist der Umgang damit. Wenn ich mit der Emotion identifiziert bin und ich mich ihr dadurch ausgeliefert fühle und gar nicht mehr anders kann, als die Emotion auszuagieren, sehe ich sie als machtvolle Kraft, deren Opfer ich werde.
    Eine andere Sicht auf die Emotion einzunehmen kann bedeuten, die Emotion zu etikettieren, ihr beispielsweise einen Namen zu geben und dadurch die Identifikation abzuschwächen.
    Ebenso kann ich sie als Helfer ansehen, die mich auch ein Problem aufmerksam machen will. Mein Fokus verlagert sich dadurch auf das dahinter stehende Problem und seinen Auslöser und die Fixierung auf die Emotion selbst schwächt sich ab.
  4. Das Wesen der Emotion erkennen
    Alle geistigen Bewegungen haben die selbe Natur. So auch Emotionen. Sie sind auftauchende und vergängliche Phänomene ohne greifbare Substanz. Durch Gewahrsein (Bewusstheit) kann ich die Emotion in ihrer Qualität und Intensität in meinem Körper lokalisieren und wahrnehmen und als auftauchende und vergängliche Erscheinung annehmen, ohne sie bekämpfen zu müssen.
  5. Emotionen als Weg zur eigenen Entwicklung nutzen
    Der 5. Schritt kann erst dann sinnvoll genutzt werden, wenn die vorangehenden Schritte geübt und verinnerlicht wurden.
    Dieser letzte Schritt ist einerseits ein Übungsschritt für Alltagssituationen, als auch ein Schritt, um mit willentlich herbeigeführten emotionalen Ereignissen zu üben.
    Bei diesem Schritt geht man geradezu auf die Suche nach herausfordernden Situationen, um den Umgang damit zu üben.