Aus dem „Nichts“ schauen

Zugegeben, aus dem Nichts zu schauen, wirft die Frage auf, was damit wohl gemeint sein soll?

Vorweg soll die Auflösung dieser Frage und das Verständnis der Bedeutung in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Es geht um Meditation! Und Meditation fasst Methoden zusammen, die unseren Geist “ent-wickeln”, also aus der Verwicklung mit Illusionen und falschen Anschauungen befreien wollen.

Die Evolution hat uns konzipiert, damit wir mit der Umwelt auf eine Weise interagieren, die unser Überleben sichert. Also schauen wir vorwiegend nach außen – da hin, wo Chancen und Gefahren gewöhnlich auftauchen und auf die wir zu unserem eigenen Wohl entsprechend reagieren können.

Nach innen zu schauen, gehört nicht zur evolutionären Alphaorder “Schau dich um und pass auf dich auf!” Gleichwohl ist es dem Geist möglich, den Fokus von äußeren Umständen weg zur bewussten Innenschau zu verändern. Das erfordert Übung und Geduld, weil der Geist verständlicherweise von seinem gewohnten Automatismus in eine andere Richtung gelenkt werden muss.

Zurück zum “Nichts”!

Beim “Nichts” handelt es sich also nicht um das, was wir gewöhnlich im Außen vorfinden und auf das wir reagieren. Es ist noch nicht einmal das, was wir bei einer Hinwendung nach innen mit unserer emotionalen, mentalen oder körperlichen Wahrnehmung vorfinden.

Was ist es also dann?

Sehr plastisch und verständlich kann es mit einer Affirmation erklärt werden, die der Jesuitenpater Williges Jäger zur Einleitung in die Meditation gegeben hatte: “Die Stille hinter allen Geräuschen…”.

Nimmt man das Beispiel, dann erkennt man, dass Geräusche etwas sind, das sich als vordergründige Wahrnehmung präsentiert. ”Schaut” man hinter diese vordergründige Wahrnehmung, dann kann man dort ein “Nichts” ausmachen. Aus der Perspektive des “Nichts” präsentieren sich Geräusche als ein vordergründiges, veränderliches “Etwas” auf dem vollkommen stillen und unbeeinflussten Hintergrund des “Nichts”. Das “Nichts” ist -klar, unbewegt, unabhängig, rein und still. Die Geräusche im Vordergrund sind immerzu bewegt und veränderlich und bedingt abhängig von Einflüssen.

Was in diesem Beispiel für die Geräusche gilt, das gilt ebenso für alle anderen Wahrnehmungen, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen – Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen und auch das Denken (Buddha bezeichnete das Denken auch als Sinn).

Hirnforschung und Meditation. Wolf Singer und Matthieu Ricard im Dialog.

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Lesenswert!

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Wenn ich mit gutem Willen, Übung und Geduld dieses “Nichts” erst einmal erlebt habe, werde ich – vielleicht erstaunt – feststellen, dass dieses “Nichts” keinesfalls nichts ist, vielmehr ist es eine Ausweitung und Befreiung aus dem engen Tunnel meiner gewohnten Wahrnehmung. Es ist ein vollkommen ruhiger und friedvoller Ort, von dem aus ich beobachte, was in mir und um mich herum geschieht. Noch erstaunlicher ist dann die Erkenntnis, dass für Außen und Innen keine klare Trennung mehr vorhanden ist. Mein Geist ist aus der Perspektive dieses stillen Ortes sowohl innen als auch außen zuhause. Die Grenzen lösen sich auf. Befreiung aus der eigenen, gedanklichen Enge wird wohltuend spürbar. Viele beschreiben es als Weite und als inneren Frieden, weil das, was vom Ort der Stille aus erlebt wird, keiner Identifikation mehr unterliegt. Man fühlt sich geborgen und geschützt als Beobachter an einem stillen Ort.


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