„Erwachen“ ist ein willkommener Trend unserer Zeit geworden, eine nachvollziehbare, plausible und notwendige Entwicklung, nachdem die menschlichen Modelle des Umgangs mit sich selbst und der Gemeinschaft über die Jahrhunderte viel Missbrauch und Gewalt verursacht haben.
Doch „wirkliches“ Erwachen war und ist höchst selten und nur bei vereinzelten Individuen glaubhaft.
Vom historischen Buddha halte ich es sehr sicher für glaubhaft. Von Jiddu Krishnamurti und Meister Eckhart auch. Namentlich kenne ich noch einige andere, kann mir aber kein klares Bild von ihnen machen.
Sehr viele, insbesondere in unserer Zeit, stellen ihr „Erwachen“ sehr prominent in den Vordergrund und machen es zu einem Anziehungspunkt der Sehnsucht vieler Suchender und erwecken dadurch für mich den Eindruck, sich von der Energie Suchender zu ernähren.
Das klingt sehr abwertend, soll es aber nicht sein. Ich sehe darin lediglich ein Evolutionsprinzip, das in der Funktion der Blüten jeder Blume zu beobachten ist: „Komm zu mir! Hier hast du Vorteile.“ Es ist ganz natürlich und dient dem höchsten Prinzip des Überlebens und des Fortbestands. Was könnte daran schlecht sein? Nichts. Es ist ein evolutionäres Überlebensprinzip das den Handel mit Vorteilen zur Grundlage hat.
„Wirkliches Erwachen“ ist aus meiner Sicht etwas ganz Anderes. Ich stelle das in den Raum, obwohl ich selbst kein Erwachter bin und daher nur spekulieren kann.
„Wirkliches Erwachen“ entsteht aus der Erkenntnis der evolutionären Prinzipien, die in Zweckmäßigkeiten agieren und reagieren, die den Dualismus verkörpern, der ausschließlich in der materiellen Welt Bedeutung hat. Seine Aspekte sind Mangelbewusstsein, Ablehnung und Begierden.
„Wirkliches Erwachen“ hat sich von Identifikationen befreit und damit auch von der Identifikation mit den Evolutionsprinzipien.
Aber was bleibt übrig, wenn es keine Identifikationen mehr gibt? Wie kann man das bezeichnen was übrig bleibt, ohne wieder eine neue Identifikation durch eine Benennung zu erzeugen?
Was übrig bleibt, geht weit über die dualistische Zweckmäßigkeit hinaus. Selbst das Materielle, Körperliche, hat hier keine Bedeutung. Es findet sein „Sein“ auf der rein immateriellen, geistigen Ebene, auf der Entstehen und Vergehen, Tod und Wiedergeburt Ausdrucksformen lebendiger Prozesse sind. Es ist die Prozesshaftigkeit des Lebens, der wiederum ein Prinzip zugrunde liegt. Dieses Prinzip ist Liebe, die sich nicht auf Anhänglichkeit oder Sympathien reduziert und damit Bedingungen erzeugt. Damit ist eine Liebe gemeint, die einzig und allein vollständiges Annehmen und Loslassen beschreibt. Damit agiert sie in absoluter Freiheit von Gut und Böse in atemberaubender Kreativität und ekstatischer Freude. Es sind die Eigenschaften der Liebe und Liebe ist die Eigenschaft des Erwachens.

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